Donnerstag, 18. Mai 2017

Mein Zeit in Tenkodogo: Ein Rückblick vier Monate danach

Paul und Abbé Denis verabschieden mich vor meiner Abreise aus Tenkodogo.
Es mag anders aussehen, aber ein wirklich trauriger Moment.

Schon über vier Monate ist es jetzt her, dass ich aus Tenkodogo in Burkina Faso wiedergekommen bin und natürlich hat mich der Alltag hier mittlerweile wieder voll im Griff. Trotzdem oder grade deshalb will ich in diesem letzten Blogeintrag zu meinem Aufenthalt in Afrika zum einen über meine letzte Woche in Afrika, die ich euch bisher noch schuldig geblieben bin, berichten. Insbesondere will ich zum Anderen aber versuchen, meine Zeit in Afrika mit etwas Abstand zu bewerten. 

Da es wenig sinnvoll ist, vier Monate später alle Erlebnisse der letzten Woche in Afrika bis ins Detail zu beschreiben, möchte ich die wichtigsten Momente meiner achten Woche in Burkina anhand von Fotos - verteilt über den gesamten Blogbeitrag - darstellen. Bilder sagen ja sowieso mehr als Tausend Worte, wie es so schön heißt. 

Ein Radrennen in Tenkodogo mit vielen Zuschauerinnen und Zuschauern

Doch nun zur Frage, was mir meine Zeit in Tenkodogo eigentlich gebracht hat. Zunächst einmal war es eine großartige Erfahrung, die spannendste in meinem Leben. Ich weiß, sowas kann nicht jede_r erleben. Ich bin sowohl der Friedrich-Ebert-Stiftung, als auch dem Freundeskreis Hofheim-Tenkodogo e.V. sehr dankbar, dass sie mir die Möglichkeit dazu gegeben haben.


Mit Pauls und Denises Kindern beim Tô-Kochen

Ich habe Burkina als eine komplett andere Welt erlebt. Man braucht sich nicht einmal sechs Stunden in ein Flugzeug zu setzen und schon sieht man, wie Menschen auch leben, ganz anders als wir in Mitteleuropa. Nicht mehr vergessen werde ich z.B. die Kuhherde, die von Kindern direkt nach unserer Ankunft in Ouagadougou über die Straße geführt wurde. Aber auch die kleinen Lehmhütten am Straßenrand auf dem Land, in denen ganze Familien ohne Strom, Wasser und alles leben, was wir in Deutschland als normal und einfach gegeben ansehen. Ich bewundere die Burkinabé. Sie sind Überlebenskünstler_innen und lachen dabei, wann immer es geht.

In Deutschland hört man oft das Vorurteil: „Die Afrikaner sind faul.“ Durch mein Praktikum bei OCADES Caritas in Tenkodogo konnte ich die Arbeitsroutinen und –weisen der Menschen in Burkina Faso kennenlernen und hautnah miterleben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dieses Vorurteil falsch ist. Arbeitsbeginn war jeden Morgen um 7 Uhr und es wurde bis abends geschafft. Klar, für mich gab es nicht immer etwas zu tun, aber das ist bei Praktika in Deutschland sicherlich auch manchmal so. Wichtig ist, dass ich immer wieder mit anpacken konnte und das Gefühl hatte, gebraucht zu werden, z.B. habe ich den Vertrag zwischen dem Freundeskreis und Caritas übersetzt. 


Abschied von meinen Kolleg_innen in der inklusiven Grundschule

Auch meine Woche in der inklusiven Grundschule St. Vincent de Paul für sehbinderte Kinder war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Dort wurde nicht wie bei uns ewig lange über inklusive Bildung geredet, sondern einfach damit angefangen, auch wenn nicht alles direkt geklappt hat. Wir sollten uns vom burkinischen Pragmatismus ruhig mal eine Scheibe abschneiden. In jeder Klasse waren 65 Kinder. Das ist in Burkina normal. Und wir regen uns in Deutschland über 30 Schüler_innen auf? 


Der Pfarrer der Gemeinde, in der ich lebte, und ich

Insgesamt bin ich bei Caritas, in der Schule und in der Gemeinde, wo mein Zimmer war, extrem freundlich aufgenommen worden (habe bspw. kostenlos ein Moped zur Verfügung gehabt) und konnte immer jemanden mit einem offenen Ohr finden.

Zur Sprache muss hier natürlich aber auch kommen, dass die zwei Monate nicht immer einfach waren. Es ist schon eine Herausforderung, als Mitteleuropäer in einem der ärmsten Länder Welt zwei Monate lang zu leben. Man wird ständig als „der Weiße“ wahrgenommen und fühlt sich teilweise auch beobachtet, weil man weit und breit der einzige Weiße ist. Das ist von Seiten der Burkinabé überhaupt nicht böse gemeint, fühlt sich aber dennoch manchmal etwas komisch an. Trotzdem bin ich froh, diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich denke, es muss für Menschen, die nicht weiß sind, in Deutschland unheimlich schwierig sein – grade in der heutigen Zeit, in der sich die politische Debatte immer weiter auflädt.


Am letzten Abend mit Denise und Paul

Natürlich gab es auch Zeiten, in denen ich mir gewünscht habe, sofort wieder in Deutschland zu sein und am Ende war ich natürlich auch sehr froh, wieder daheim zu sein, wieder unser Essen zu genießen (und sei es ein Käsebrot). Ich denke, man lernt durch solche Erfahrungen viel mehr zu schätzen, was man davor als normal angesehen hat. Die Wertschätzung für die einfachen Dinge des Lebens steigt enorm.  


Abschied von Sinaré in Ouaga

Dank Paul und seiner Frau hatte ich zudem die einmalige Möglichkeit, das Leben in einer burkinischen Familie kennenzulernen. Es war großartig zu sehen, wie die drei Kinder (was noch ziemlich wenig ist im Vergleich) lachen und spielen – genau wie bei uns. Anders ist aber, dass die Kinder auf einer Bastmatte, die jeden Abend im Wohnzimmer ausgerollt wird, schlafen. Nicht in Betten oder sogar in eigenen Zimmern. In Erinnerung ist mir auch geblieben, dass ausschließlich Denise, Pauls Ehefrau, gemeinsam mit dem Kindermädchen für den Haushalt zuständig war. Sie haben gekocht, gewaschen usw. Es gibt in Burkina noch viel strengere Rollenbilder als bei uns. Mir fiel es schwer, das zu akzeptieren und nicht selbst auch zu helfen, z.B. beim Tischdecken. Zudem lebte Pauls Bruder, der grade mitten im Abitur war, auch mit im Haus. Ich denke, das Unterstützen von Familienangehörigen ist in Burkina normal, denn soziale Absicherung durch den Staat gibt es nicht. Das heißt auch, dass Menschen, die Geld verdienen, teilweise nicht nur ihre eigenen Familie ernähren müssen, sondern auch Cousins und Cousinen, Großeltern und so weiter.


auf dem Moped in der Hauptstadt der Mopeds Ouaga

Alles in allem bin ich den Menschen, die mich in Tenkodogo so wunderbar empfangen und sich so großartig um mich gekümmert haben, unsagbar dankbar. 

Paul, der abends jeden Tag mit mir Essen war, mir das Mopedfahren beigebracht hat, mich nach meinem Mopedunfall verarztet hat und mit dem ich mich wunderbar austauschen konnte – über Deutschland, Burkina, Politik und vieles mehr.

Denise, die für mich kochte, meine Wäsche wusch, ohne etwas dafür zu wollen. Einfach so.


Louis, der immer bereit war, sich mit mir auf ein Bier zu treffen, der von einem Fußballinternat in Tenkodogo träumt und der als Stadtverordneter in Tenkodogo ein Kollege von mir ist.

Sinaré, der mit mir Schuhe kaufen war und mich von Tenkodogo nach Ouaga gebracht hat.


Meine Kollegen Monsieur l’Abbé Dénis, Abbé Lucien, Martine, Bayala, M. Sina und Lazare, die dieses Praktikum unvergesslich gemacht haben.


Die Kathedrale von Ouagadougou am Tag der Taufe von Erics Tocher

Ein paar Mopeds neben der Kathedrale

Ich war nie alleine, wusste immer jemanden, zu dem ich gehen konnte. Das war ungemein wichtig. All diese Menschen, mit denen ich auch heute noch regen Kontakt habe, aber auch das Lächeln, die Freude und Dankbarkeit der Menschen auf den Dörfern, als unsere Delegation kam, um zu helfen, haben mir gezeigt, dass es sich ungemein lohnt, sich für besseres Leben in Burkina Faso und eine gerechtere Verteilung von Wohlstand in der Welt einzusetzen. Diesen Menschen geht es so schlecht, weil es uns so gut geht.


Stolze Eltern mit dem Taufkind

Anstehen für die Taufe

Ich möchte mich deshalb weiter beim Freundeskreis Hofheim-Tenkodogo engagieren, denn er leistet wirklich hervorragende Arbeit in Tenkodogo. Jeder gespendete Euro fließt direkt in wunderbare Projekte – Brunnen, Schulgebäude, Krankenstationen usw. – und nicht in dicke Autos von großen Hilfsorganisationen, über die ich mich des öfteren aufgeregt habe.

Deshalb werde ich in den nächsten Monaten hier in Deutschland in einigen Vorträgen von meinen Erfahrungen berichten, um die Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Vielleicht findet sich dabei ja noch jemand, der für den Verein ein Praktikum in Tenkodogo machen will.


Aristide und ich kurz vor dem Abflug

Das würde mich freuen, denn insbesondere die Abiturient_innen, mit denen ich meinen Workshop durchführte, haben mir verdeutlicht, wie richtig es für mich war, dieses Abenteuer Burkina Faso zu wagen. Die Welt ist klein und wir sind groß. Treffender als dieses Zitat von Mark Forster lässt sich mein Aufenthalt wohl nicht beschreiben und immer, wenn dieser Song im Radio läuft, erinnere ich mich mit feuchten Augen an meine Zeit in Afrika.

Es waren die Menschen, die diesen Aufenthalt zu dem gemacht haben, was er war. Liebes Burkina, ich komme wieder! Cher Burkina Faso, un jour je reviendrai!


Letztes Foto mit Louis und Eric,
die mich zum Flughafen gebracht haben


Montag, 12. Dezember 2016

Die siebte Woche: St. Vincent de Paul, Workshop und Ausflüge

Mein bisheriges Highlight in Burkina:
Workshop am Lycée municipal
Bonjour, ihr lieben Leser_innen! Schon wieder ist eine abwechslungsreiche Woche rum. Ich habe viel erlebt und gelernt. Wie immer möchte ich euch die Tage einzeln vorstellen. Viel Spaß beim Lesen!

Montag, 5. November: Heute begann mein Praktikum (mon stage) in der Grundschule St. Vincent de Paul, die auch von der katholischen Kirchengemeinde in Tenkodogo betrieben wird. Zu Beginn sprach ich mit meinem Chef, Abbé Lucien, der mir verriet, dass es insgesamt zehn Klassen gibt. Davon sind sechs Regelschulklassen und vier auf die Regelschule vorbereitende Klassen für sehbehinderte Kinder. Insgesamt werden 395 Kinder unterrichtet, pro Regelschulklasse sind das ungefähr 65 Kinder. Ich erfuhr zudem, dass die Unterrichtszeiten von 7.30 Uhr bis 12 und 15 bis 17 Uhr sind. Die  Mittagspause dauert also drei Stunden, was mir sehr gut tat, da mir die Pause bei OCADES in den Wochen zuvor (1 Stunde) immer zu kurz war. Wir begannen mein Praktikum mit einer Vorstellung in allen Klassen. Ich stellte mich den Schüler_innen und Lehrer_innen vor und merkte schnell, dass ich mich hier sehr wohl fühlen würde. Die Kinder freuten sich sehr auf die gemeinsame Zeit.

Die CP1 lernt den Unterschied zwischen
"Chambre" und "Veranda"
Dann begann ich meinen Einsatz in der CP1 (so heißt hier die erste Klasse) für Kinder mit Sehbehinderung. Die acht Kinder in der CP1 sind seit Oktober in der Schule und stehen somit noch ganz am Anfang. Es gibt einen Lehrer, der ebenfalls blind ist und eine Lehrerin, die keine Beeinträchtigung hat. Vormittags sollten die Kinder zunächst das „E“ der Braille-Schrift schreiben. Das ist der Grundbuchstabe. Ich versuchte mich auch mal daran und merkte schnell, dass die Schrift alles andere als einfach ist. Danach lernten die Kinder, wie man mit dem Blindenstock geht. Das Lernen in der ersten Klasse ist insgesamt sehr spielerisch und das Leistungsgefälle der Schüler_innen sehr hoch. Während einige schnell lernen, sind manche durch weitere Beeinträchtigungen sehr langsam. Das macht es für die Lehrerin und den Lehrer ziemlich schwer.

Die CP2 liest im Braille-Textbuch
Dienstag, 6. November: Den heutigen Tag verbrachte ich wieder in der CP1. Nach dem für alle Kinder obligatorischen Gebet machten die Kinder mit den Lehrern draußen ein bisschen Sport. Danach waren wir mit den Kindern in der Schule unterwegs, um ihnen die Namen der verschiedenen Räume in einem Haus nicht nur zu erklären sondern direkt erfahrbar zu machen.

Um 10 Uhr musste ich dann kurz in die Stadt, wo ich gemeinsam mit Paul für unseren Verein Freundeskreis Hofheim-Tenkodogo ein Gespräch mit unserem Ansprechpartner der Stadt Tenkodogo, Issa Naré, führte. Dabei ging es um unsere Projekte in der Zukunft, z.B. den Bau der Grundschulerweiterung in Goursampa.

Nachmittags kehrte ich zurück in die Schule, wo wir mit den Kindern die Namen der Räume in einem Haus wiederholten. Außerdem durfte ich mich zum ersten Mal als Lehrer probieren. Ich leitete die Einheiten „Ecriture“ (Schreiben) und „le trie“ (das Trennen). Beim trie wird den Kindern eine Getreidemischung gegeben und sie müssen mit ihren Fingern die kleinen Hirsekörner herausfiltern. Das macht man, um sie für das Lesen der sehr diffizilen Braille-Schrift zu sensibilisieren.

Die CP2 beim Sport
Mittwoch, 7. November: Heute habe ich mir die CP2, also die zweite Klasse, für Kinder mit Sehbehinderung angeschaut. Zu Beginn der ersten Stunde war die Lehrerin einfach mal ohne etwas zu sagen, eine Dreiviertelstunde weg und ich versuchte – so gut es ging – die Kinder zu beschäftigen. Ich habe mit ihnen im Lesebuch gelesen, das hat gut funktioniert. Als die Lehrerin dann wiederkam, stand eine Klassenarbeit auf dem Programm, die aus einem Diktat und Rechnen bestand. Die Lehrerin erklärte mir, dass das die gleiche Klausur sei, die auch die CP2 der Regelschule schreibt. Sehr bemerkenswert! Nach der Klausur wurde ein Feldbett geholt und die Kinder lernten die unterschiedlichen Bezeichnungen für Schlafplätze. Bett, Teppich (ja, die Kinder schlafen hier auf dünnen Bast-Teppichen) usw. Dann war es irgendwann Mittag und ich erfuhr, dass der Mittwochnachmittag immer frei sei – Hurra!

Die Schule bei Sonnenuntergang
Donnerstag, 8. Dezember: Den Vormittag verbrachte ich wieder in der CP2. Der Tag wurde begonnen mit etwas Sport. Dann kamen Verantwortliche des Staates Burkina Faso, die eine neue Lernmethode für Kinder mit Sehbehinderung ausprobierten. Ich habe nichts von der Durchführung verstanden, da kann ich euch leider nicht viel mehr zu sagen. In der Nachbesprechung kam aber raus, dass die Methode gut funktioniert hat.😀 Was mir schon häufiger aufgefallen war, zeigte sich auch hier: Auch Personen in höheren Stellungen rülpsen und spucken, wie es ihnen beliebt. Für unsere Verhältnisse eine echte Unart.

In der Mittagspause traf ich meine Kollegen von OCADES. Zusammen waren wir beim Schneider und haben meine Maße nehmen lassen. Die Schwestern aus dem Niger hatten mir in der letzten Woche nämlich Stoff dagelassen und Abbé Denis lässt mir als Geschenk daraus jetzt ein Hemd und eine Hose schneidern.

Plastikmüll auf der Straße wird nicht entsorgt, sondern
verbrannt. Das sieht man hier überall. Grüße gehen raus
an die Gesundheit der Kinder, die den Dampf einatmen.

Nachmittags war ich dann in der CE1 für Kinder mit Sehbinderung, also der dritten Klasse. Hier war bereits ein großer Unterschied zur CP2 zu erkennen. Die Kinder hatten im vergangen Jahr augenscheinlich viel gelernt. Mittlerweile können sie Braille fehlerfrei und fließend lesen und schreiben. Wie in der CP2 mussten die Kinder auch hier eine Prüfung machen, in den Bereichen Lesen und Singen.

Nach der Schule war ich bei Louis und seiner Familie und habe gelernt, wie man Bissap herstellt. Das ist ein süßes Getränk aus Sauerampfer. Es ist einfach herzustellen und schmeckt lecker. Bringe ich mit nach Deutschland!

Abends war ich dann mit Paul essen. Es stellte sich heraus, dass alle Schulen in der kommenden Woche bestreikt werden. Deshalb mussten wir kurzerhand unsere Besuche in den Schulen in Goursampa und Gourgou für den Verein und meinen Workshop in Pauls Deutschunterricht auf den Freitag vorziehen. Deshalb hatte ich noch den ganzen Abend mit der Vorbereitung der Treffen und des Workshops zu tun.

Brunnen von Goursampa. Im Hintergrund der Schulgarten.
Freitag, 9. November: Paul und ich starteten am frühen Morgen mit seinem Moped nach Goursampa. Wir trafen uns dort mit dem Schulleiter und schauten uns die Projekte des Freundeskreises an. Alles läuft soweit gut: Der Garten blüht, der Brunnen funktioniert einwandfrei. Leider kann in der Kantine derzeit nicht gekocht werden, da der Staat keine Lebensmittel liefert, obwohl er das seit knapp drei Monaten versprochen hat. Unfassbar. Die Kinder müssen deshalb dann zum Mittagessen heimgehen und kommen dann müde und mit Verspätung zum Nachmittagsunterricht.

Nach unserem Ausflug nach Goursampa kehrten wir nach Tenkodogo zurück und fuhren zum Lycée municipal, also dem städtischen Gymnasium. Dort leitete ich dann im Deutschunterricht des Abi-Jahrgangs (la terminale) meinen Workshop. Zunächst lasen und übersetzten wir zusammen den Text von „Wir sind groß“ von Mark Forster. Dann hörten wir das Lied und ich brachte ihnen den Refrain bei, den wir dann gemeinsam sagen. Die Schüler_innen fanden das Lied überragend! (Mir wurde erzählt, dass bereits am Nachmittag ein Schüler das Lied irgendwie auf sein Handy geladen hatte und es dann per Bluetooth in der Klasse rumging.) Danach erzählte ich ihnen etwas von der deutschen Art, Weihnachten und Silvester zu feiern. Am Ende blieb eine halbe Stunde für Fragen zu Deutschland. Sie stellten viele Fragen zu unterschiedlichsten Themen und dann waren die zwei Stunden plötzlich schon rum. Wir hätten noch ewig weiterreden können und keine_r hatte nach einer Pause verlangt. Es war einfach großartig. Sicherlich mein bisheriges Highlight hier in Burkina! Paul beglückwünschte mich danach und sagte, es sei „formidable“ gewesen. Er hätte niemals gedacht, dass es so gut wird. Diese zwei Stunden waren einfach ein tolles Gefühl und ich werde sie so schnell nicht mehr vergessen. Die Welt ist klein und wir sind groß. Gibt es ein passenderes Motto?

Die Abi-Klasse im Lycée Municipal und ich

Nachdem wir das Gymnasium verlassen hatten, fuhren wir nach Gourgou an die dortige Grunschule. Zunächst redeten wir mit dem Schulleiter, dann guckten wir uns den neu angelegten Schulgarten an. Danach ging es zurück nach Tenkodogo.

Nachmittags war ich dann wieder in der Schule St. Vincent de Paul, diesmal in der CM2, also der sechsten Klasse. Die Kinder hier sind auf einem sehr guten Niveau und es war erstaunlich, wie gut der Lehrer 65 Schüler_innen im Griff hatte. Kurz vor 17 Uhr ist der Lehrer dann gegangen, weil er irgendwo hin musste und ich war plötzlich alleine mit den Schüler_innen. 65 gegen einen, das war unfair.😉 Ich versuchte ihre Fragen zu beantworten und ihnen etwas Deutsch beizubringen, aber wurde belagert und alle schrien durcheinander. Zum Glück will ich nie Lehrer werden. :D

Grundschule von Goursampa. Rechts neben der Fahne will
unser Verein eine Schulerweiterung bauen.

Nachdem ich abends mit Paul essen war und wir uns nochmal froh über diesen Tag ausgetauscht hatten, hörte ich abends die Eintracht (und schon wieder ungeschlagen SGE!) im Internetradio und fiel müde und zufrieden ins Bett.

Samstag, 10. Dezember: Endlich wieder ein freier Tag! Ich war den ganzen Tag zuhause, habe gelesen und Bundesliga gehört – Erholung pur. Abends habe ich es endlich zum ersten Mal in die Messe hier in Tenkodogo geschafft, die mir sehr gut gefallen hat! Langsam werde ich etwas neidisch, wenn ich mir unsere Gottesdienste in Deutschland angucke.

Ortseingang Gourgou
Sonntag, 11. Dezember: Nationalfeiertag in Burkina! 1960 erlangte das Land an diesem Tag die Unabhängigkeit von Frankreich. Aus diesem Grund bin ich morgens um 6.30 Uhr mit Sinaré und Bayala von OCADES nach Ouargaye, einer Stadt 50 Kilometer von Tenkodogo, gefahren. Dort fanden die Feierlichkeiten der Region Centre-Est, der auch Tenkodogo angehört, statt. Zunächst hielt der Gouverneur eine Rede (klassische langweilige Feiertagsrede), dann wurden verdiente Burkinabé ausgezeichnet. Unter anderem auch Issa Naré, mit dem ich am Dienstag noch gesprochen hatte. Danach fand eine Parade des burkinischen Militärs statt, aber auch Schulen und Organisationen aus Ouargaye liefen mit. Das ganz erinnerte ein bisschen an einen Fassenachts-Umzug, nur leider wurden keine Süßigkeiten geworfen. Nachmittags waren wir dann wieder zurück und ich nutzte den Rest des Tages, um mich auszuruhen.

Uuund Marsch: Nationalfeiertag in Ouargaye

Fazit zur Woche: Was eine volle Woche! Das Praktikum bei St. Vincent de Paul war insgesamt wohl etwas zu kurz. Dennoch war es ein toller Einblick in das Bildungssystem Burkinas und da ich nicht Lehrer werden will, ist die Kürze so auch in Ordnung. Ich konnte viel mithelfen und es hat Spaß gemacht, mich als Lehrer zu beweisen. Schade war, dass ich während der Prüfungswoche des ersten Trimesters im Schuljahr da war und deshalb auch hin und wieder nur rumsaß. Schwierig für die Schüler_innen ist sicherlich, dass der Unterricht auf Französisch gehalten wird, obwohl Mooré ihre Muttersprache ist. Da kann man in Mitteleuropa schon froh sein, dass das bei uns anders ist. Die Ausflüge nach Goursampa, Ouargaye und Gourgou, aber insbesondere auch der Workshop am Gymnasium machten diese Woche insgesamt zu einer unvergesslichen Zeit. Danke, dass ich das erleben durfte!

Jetzt ist es noch eine Woche, bis ich in den Flieger zurück nach Deutschland steige. Ich freue mich auf daheim, werde mein Leben hier aber sicher auch vermissen. Ich freue mich, euch alle wiederzusehen!

Bis dahin eine schöne vorweihnachtliche Zeit
euer Jonas

Sonntag, 4. Dezember 2016

Die sechste Woche: Kraft tanken fürs Finale

Louis und ich in einer Kneipe

Salut aus dem immer noch sehr heißen Tenkodogo ins – wie ich so mitkriege – bitterkalte Deutschland! Mittlerweile bin ich schon sechs Wochen hier in Burkina und drei Viertel meines Aufenthaltes sind schon rum. Ihr erinnert euch sicher, dass die fünfte Woche mit Ouaga und Kermesse sehr voll und anstrengend war. Deshalb bin ich froh, dass ich die vergangene Woche ein bisschen nutzen konnte, um mich zu erholen und die letzten Tage meiner Zeit in Afrika zu planen. Doch lest und seht selbst, was ich so erlebt habe!

Montag, 28. November: Tag 1 nach der wirklich wunderbaren, aber auch anstrengenden Kermesse. Vormittags hatte ich auf der Arbeit nochmal ein bisschen was für den Vertrag zwischen dem Freundeskreis Hofheim-Tenkodogo e.V. und OCADES zu tun, der nun endlich unterschrieben werden kann. Danach habe ich das Angebot von Abbé Denis gerne angenommen und bin am Nachmittag daheim geblieben und habe ein bisschen Schlaf nachgeholt. Man hat mir meine Müdigkeit wohl ziemlich angesehen. :D Abends war ich wie fast immer mit Paul essen und habe ihm meine Wäsche mitgegeben, die seine Frau gemeinsam mit einer jungen Frau, die in ihrem Haus mithilft, für mich waschen werden. Ein großes Dankeschön dafür!


Ein kleiner Gast in meinem
Zimmer

Dienstag, 29. November: Am Vormittag sind vier Ordensschwestern aus Niger gekommen (laut Human Development Index das am wenigsten entwickelte Land der Welt), die eine lange Reise in einem wackligen Bus auf sich genommen hatten, um sich die OCADES-Projekte im Bereich der inklusiven Bildung anzuschauen. Sie sind gerade dabei inklusive Bildungsprojekte in Niger zu initiieren und haben sich bei uns Infos und Ratschläge geholt. Alle Mitarbeiter_innen von OCADES und die Schwestern versammelten sich also im Versammlungszimmer und stellten sich einander vor. Abbé Denis stellte zudem das Secrétariat Executif Diocésan (SED) von OCADES in Tenkodogo, also meine Arbeitsstelle, vor. Das war auch für mich sehr interessant. So betreut das SED 9 Gemeinden in zwei Provinzen. Insgesamt gibt es ca. 80 Mitarbeiter_innen, die größtenteils auch direkt vor Ort in den Gemeinden eingesetzt sind. Nach dem Gespräch hatte ich wenig zu tun und bin deshalb am Nachmittag mit Sinare Mitbringsel usw. einkaufen gewesen. Ich habe auch neue Schuhe (Sebago Docksides) gekauft. Diese Kosten bei uns über 100 Euro, hier habe ich sie für knapp 20 Euro bekommen. Es hat sich für mich also ziemlich gelohnt. Wenn ich aber allgemein die Preise mit unseren in Europa vergleiche, stelle ich nur im Bereich alltäglicher Dinge einen Unterschied fest. Also zum Beispiel bei Gemüse, Obst und Brot. Bei „Luxusgütern“ (z.B. Mobiles Internet, Benzin oder Bier), die sich nicht jede_r leisten kann, gibt es dagegen fast keinen Unterschied. Das Wasser der Marke „Lafi“ ist sogar deutlich teurer als Flaschenwasser bei uns.


Polizei macht Frühsport auf der Hauptstraße
Mittwoch, 30. November: Vormittags ist ein Abbé gekommen, der die Brillen, die unser Verein aus Deutschland mitgebracht hat, abgeholt hat. Er besitzt eine Maschine, mit deren Hilfe die Stärken ausgelesen werden können. Mit ihm konnte ich kurz sprechen, auf dem Weg nach Ouaga am 17. Dezember werde ich mit Sinare einen Stopp bei ihm vor Ort machen und mir ein eigenes Bild machen können. Dann kann ich euch dazu auch mehr berichten. Außerdem habe ich versucht, die Handys von meinen Kollegen auf Vordermann zu bringen. Das sind hier oft China-Produkte, die so ähnlich wie die Samsung-Originale aussehen, aber von der Leistung her sehr schwach sind. Ein interner Speicher von 130 MB für ein modernes Smartphone reicht einfach nicht, wenn man die Facebook-App (60 MB) nicht auf die SD-Karte verschieben kann… Echte Samsung-Geräte kann sich hier aber fast niemand leisten, der ein durchschnittliches Einkommen hat.

OCADES, Stadt Garango und Schwestern

Donnerstag, 1. Dezember: Heute habe ich meine Kollegin Martine und die Schwestern nach Garango begleitet. Im Rathaus wurden gemeinsam mit Vertretern der Stadt Garango, u.a. dem Bürgermeister, Projekte im Bereich der inklusiven Bildung vorgestellt und diskutiert. Das Projekt von OCADES und der Stadt in Garango hatte als Ziel mindestens 80 Prozent der Menschen mit Behinderung und Benachteiligten in soziale Strukturen, also Regelschulen, zu integrieren. So gibt es in Garango 15.350 Schüler_innen in 47 Schulen, von denen ca. 700 ein Handicap haben oder benachteiligt sind. Das Projekt wurde 2010 initiiert und mit sieben internationalen Partnern durchgeführt, u.a. auch vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und Light for the world. Es gab drei nationale Partner, u.a. die Stadt Garango und OCADES. Zunächst wurden der Bedarf ermittelt und sieben Klassen geschaffen, um die Kinder mit Behinderung oder Benachteiligung auf die Regelschulen vorzubereiten. Nach der Vorbereitung wurden die Kinder erfolgreich in die Regelschulen integriert. Das Projekt scheint ein großer Erfolg gewesen zu sein, was auch dadurch bestätigt wird, dass die Schwestern grade nach Tenkodogo gekommen sind, um es sich anzugucken. Außerdem habe ich nachgefragt, ob Inklusion im Rahmen des Projekts auch weitergefasst sei als inklusive Bildung in Schulen, denn Inklusion endet nach meinem Verständnis nicht nach der Schule, sondern betrifft alle Gesellschaftsbereiche. Martine antwortete, dass sich Inklusion im Rahmen dieses Projekts zwar auf schulische Bildung beschränkt habe, jedoch betreibt OCADES in Garango eine Stelle, die auch Ältere wieder auf die Integration in die Gesellschaft vorbereitet. Nach der Präsentation des Projekts in Garango stellten die Schwestern ihr Projekt in Niger vor. Sie bauen dort inklusive Grundschulen, sind aber noch ganz am Anfang und wollen ihr Engagement noch ausweiten. OCADES und die Stadt gaben dann noch Ratschläge, die bei der Umsetzung der Projekte zu beachten seien.


:)

Freitag, 2. November: Mit Martine und den Schwestern habe ich die Schule St. Vincent de Paul besucht; die Schule, in der ich in der nächsten Woche mithelfen werde. Wie ich schon berichtet habe, ist es eine inklusive Grundschule (bis zur sechsten Klasse), die Kinder mit Sehbehinderung auf die Regelschulen zunächst vorbereitet (Klassen 1-3) und dann integriert. Nach der Arbeit habe ich mich noch mit Louis getroffen, wir sind ein Bier trinken gewesen. Dabei haben wir festgestellt, dass wir Kollegen sind. Er ist Stadtveordneter in Tenkodogo (conseil municipal) und ich in Hofheim.  

Samstag, 3. Dezember: Am Samstag, meinem ersten freien Tag nach langer Zeit, bin ich mit heftigen Magen-Darm-Problemen aufgewacht, die mich leider auch den ganzen Tag dazu zwangen, im Bett zu bleiben. Es lag wohl an nicht gut zubereitetem Hackfleisch, das ich am Donnerstag gegessen hatte. Paul hat mir nach dem Gottesdienst, in den ich eigentlich auch gehen wollte, Essen vorbeigebracht, danach ging es mir schon deutlich besser.

Sonntag, 4. Dezember: Die Magen-Darm-Probleme waren heute zum Glück schon wieder rum. Das liegt wohl daran, dass ich mittlerweile an das Essen hier gewöhnt bin. Hätte ich dieses Hackfleisch in der ersten Woche gegessen, hätte mich das viel länger aus der Bahn geworfen. Ich war bei Paul und seiner Familie zum Essen, das sehr lecker war, eingeladen. Danach hörte ich das Spiel der SGE in Augsburg (achtes Pflichtspiel in Folge ohne Niederlage!) im Radio. Abends brachten mir Paul und Denise, seine Frau, noch ein Paket neue Wasserbeutel, die ich immer noch nicht mit meinem Moped transportieren kann. Nochmal vielen Dank! :)


Schüler_innen in St. Vincent de Paul

Ihr seht, die vergangene Woche war nicht besonders voll. Darüber bin ich aber sehr froh. Ich konnte genug Kraft für die letzten zwei Wochen tanken! In denen habe ich noch viel für den Freundeskreis Hofheim-Tenkodogo zu tun. In der nächsten Woche werde ich den Ansprechpartner des Vereins im Rathaus und den Bürgermeister von Tenkodogo treffen. In der achten und letzten Woche werde ich zudem das Maison de la Femme und die Schulen in Gorgou und Goursampa besuchen. Außerdem werde ich drei Workshops im Deutschunterricht von Paul anbieten. Das wird sicher spannend! Ich freue mich auf die letzten beiden Wochen, die jetzt noch bevorstehen. Sie werden sicher wie im Flug vergehen!

Viele Grüße aus Tenkodogo
Jonas 


Montag, 28. November 2016

Die fünfte Woche: Ouaga und Kermesse

Werden die Flaschen fallen? Spannung beim Jeu de Jonas

Bonjour à tous, hier ist der Bericht über meine fünfte Woche in Burkina Faso. Die vergangenen Tage waren picke packe voll mit tollen Erlebnissen, so dass es mir gar nicht so leicht fällt, mich an alles zu erinnern. Aber ich versuch’s einfach mal!

Ein großes Maisfeld auf dem Weg nach Ouaga

Montag, 21. November: Der Montagmorgen begann wie immer mit einer Besprechung im Sekretariat von OCADES Caritas Tenkodogo. Besprochen wurde dabei auch der Wochenplan. Wie sich herausstellen sollte, war das auch bitter nötig bei all den anstehenden Terminen. Um 13 Uhr ging es dann für Monsieur l’Abbé, also den Chef, Bayala und mich los in die Hauptstadt Ouagadougou. Die Fahrt dauerte gut 3 Stunden, die Strecke beträgt 190 Kilometer. Als wir nach Ouaga reinfuhren, kamen wir genau in den Feierabendverkehr. Dieses Bild werde ich wohl so schnell nicht vergessen. Überall Mopeds soweit das Auge reicht. Nicht umsonst wird Ouaga „la capitale des motos“, also die Hauptstadt der Mopeds, genannt. In Ouaga fanden von Dienstag bis Freitag im Centre DHI (das Konferenzgebäude von OCADES Caritas Burkina) ein Treffen mit allen internationalen Partnern von OCADES sowie der Nationalrat von OCADES statt. 

Die Ausstellung der Diözesen von OCADES

Zeitgleich gab es eine Ausstellung, bei der alle Diözesen Erzeugnisse ihrer Arbeit präsentierten. Für letzteres waren Bayala und ich zuständig. Wir sollten unsere Beurre de karité (Sheabutter) und Seife verkaufen und außerdem eine Aufstellwand mit Fotos unserer Projekte in Tenkodogo bestücken. Da Bayala einige Fotos im Büro vergessen hatte, sind wir nach der Ankunft nochmal losgefahren und haben weitere Fotos ausdrucken lassen, u.a. auch welche, die wir auf meinem Handy gefunden haben. Das ständige Knipsen ist also doch nicht ganz sinnlos! Nach dem wirklich sehr guten Essen (ich habe sogar Salat gegessen, obwohl man damit sehr vorsichtig sein soll!) ging es dann müde, aber zufrieden in unsere Unterkunft. Die Zimmer waren sehr gut, das Bad z.B. war riesig!

Unser Stand und ich

Dienstag, 22. November: Am Dienstag begann die Konferenz dann offiziell. Nach einem guten Frühstück – endlich gab es für mich mal wieder Butter – wurde auch die Ausstellung aufgebaut und wir begannen zu verkaufen. Das ging den ganzen Tag, zum Glück hatten wir einen Schattenplatz. Ich trank so viel kaltes Wasser aus Trinkbeuteln, dass ich danach richtig starke Halsschmerzen hatte. Ist aber mittlerweile wieder gut! Wir haben aber sehr gut verkauft und außerdem war das Essen auch heute wieder hervorragend! 

Mein Ausweis. Wichtig und so!

Da es um 18 Uhr einen Gottesdienst geben sollte, beendeten wir gegen 17 Uhr unsere Arbeit und hatten dann noch Zeit, uns mit M. Sanaa, einem Aussteller aus Koupela, in ein Café zu setzen und ein Bier zu trinken. Das war so erholsam, dass wir uns nach dem zweiten Bier entscheiden mussten, ob wir lieber in die Messe gehen oder noch ein Drittes trinken wollen. Ihr könnt mal raten, für welche Möglichkeit wir uns entschieden haben… Nur so viel: Bayala, der unbedingt in den Gottesdienst wollte, hat seine Prinzipien ziemlich schnell aufgegeben. ;-)

Ein Teil der unteren Etage des Marktes in Ouaga!

Mittwoch, 23. November: Am dritten Tag in Ouaga haben wir vormittags noch die Reste unserer Produkte verkauft. Dann kam aus Tenkodogo der Fahrer Sinare mit zwei älteren Herrschaften an, die auch an der Konferenz teilnehmen würden. Nachmittags beendeten wir dann unsere Ausstellung und fuhren (Sinare, Bayala und ich) auf den Markt von Ouaga. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie groß, bunt und einzigartig dieser Markt ist. Er hat mehrere Etagen (das ist für burkinische Verhältnisse schon mal eine Errungenschaft) und ein Stand reiht sich an den nächsten über gefühlt viele viele Quadratkilometer. Nach einiger Zeit habe ich endlich ein Burkina-Faso-Trikot gefunden und gekauft. Für mich als Weißen ist das Einkaufen dort aber kein Vergnügen gewesen. Man wird von allen Seiten belagert und soll am besten den ganzen Bums kaufen. Ich war froh, dass ich mit meinen beiden Kollegen unterwegs war… 

Die 4 Musketiere: Sinare, Jonas, Abbé Denis und Bayala

Nach einem kleinen Ausflug in ein Café (ja, diese Woche war sehr alkohollastig) ging es zurück ins Centre DHI. Bayala schaffte es endlich in den Gottesdienst. ;) Das Abendessen wurde verbunden mit einer Feier, bei der Preise für tolle Projekte vergeben und allen internationalen Partnern Danke gesagt wurde. Dazu sind Tänzer_innen aufgetreten, die Tänze aus allen burkinischen Ethnien verbanden. Das war für mich als begnadeten Tänzer (nicht) sehr eindrucksvoll.

Keine Merkelraute!

Donnerstag, 24. November: Nach all den Erfahrungen der vergangen Tage ging es heute mit Bayala, Sinare und zwei anderen Mitstreiter_innen, darunter einer soeur religeuse, also einer Ordensschwester, die am Vortag auch einen Preis gewonnen hatte, zurück nach Tenkodogo. Ich war froh, als wir die Stadtgrenzen von Tenko erreicht hatten, denn hier gibt es deutlich weniger Staub, Abgase und Moskitos als in Ouaga. Nachmittags wurde mir frei gegeben! 

La capitale des motos

Abschließend muss ich zum Ausflug nach Ouaga sagen, dass ich wirklich dankbar bin, das erleben zu dürfen. Ich weiß, dass es ziemlich teuer war mich mitzunehmen (Unterbringung, Verpflegung usw.). Aber es hat meinen Horizont nochmal deutlich erweitert.
Abends habe ich mich dann noch mit Eric, einem der Fahrer aus der ersten Woche, getroffen. Er hatte jemanden nach Tenkodogo gefahren und war deshalb in der Stadt. Wir waren etwas essen und (natürlich!) ein Bier trinken. Später kam dann noch Paul dazu. Ich habe mich sehr gefreut, die beiden wieder zu sehen. 

Normal beladene LKW auf der Straße nach Tenkodogo

 
Eric und ich (mit neuem Trikot)
Freitag, 25. November: Am Freitagmorgen ging die Vorbereitung der Kermesse in Garango, die am Samstag und Sonntag stattfinden würde, in die entscheidende Phase. Morgens wurde mir die Bibelstelle (Röm 13,11-14a) mitgeteilt, die ich bei der Messe am Samstag lesen sollte. Dann war ich mit Sinare und Sina in der Produktion der Beurre de karité, die wir auf der Kermesse verkaufen wollen. Wir haben beim Abfüllen geholfen. Anschließend gingen wir kurzentschlossen zum Friseur um die Ecke. Für 500 F (= 76 Cent) habe ich mir noch nie die Haare schneiden lassen. Ich hatte davor ein bisschen Angst, aber bin mit dem Ergebnis ganz zufrieden.

Beim Friseur!

Nachmittags fuhren wir dann mit allen Kollegen nach Garango. Vor Ort gab es zunächst ein Treffen mit allen Helfern der Kermesse, dann wurden die Spiele und alles weitere vorbereitet. Ich war im Vorfeld gebeten worden, ein deutsches Spiel einzubringen. Als für mich äußerst deutsches Spiel – denkt man dabei doch an alte weiße Männer, die in Kellern von alten Kneipen Bier trinken und kegeln – wählte ich Kegeln und bereitete leere Wasserflaschen als Kegel vor. Nachdem einiges, aber bei weitem nicht alles (Motto: „Das wird schon alles“), vorbereitet worden war, fuhren wir zurück nach Tenkodogo. Zusammen ging ich mit Paul noch zum Schneider, um meine beiden neuen Hosen und mein neues Hemd abzuholen. So langsam bin ich ein echter Afrikaner! 


Jonas in neuer Robe & Rolle als Spielleiter


Samstag, 26. November: Am Samstagmorgen ging es um 7 Uhr los. Gemeinsam mit Sina und Sinare holte ich Eis, um die Getränke zu kühlen, da in der Nacht der Strom ausgefallen war und auch keine Anstalten machte, demnächst wieder zu funktionieren. Dann ging es nach Garango und ich begann mit einem Kollegen mein Spiel, das fortan durch die Lautsprecher nur noch als „Jeu de Jonas“ (Spiel von Jonas) angepriesen wurde, weil sich keiner das Wort quilles (Kegel) merken konnte oder wollte. (Im Übrigen wurde ich von allen auch nur noch Monsieur Jonas genannt, das CH am Ende meines Nachnamens ist für die Leute hier nicht machbar…) Die Regeln des Spiels schnell erklärt: Die Spieler_innen bezahlen 100 Francs und haben dann 3 Versuche, um alle Kegeln umzuwerfen. Gelingt es, dürfen sie sich einen Preis aussuchen. Zu meiner Freude wurde das Spiel zu DEM Renner der Kermesse. Die Jugendlichen kamen, zahlten und spielten. Ich denke, das Spiel war so erfolgreich, weil es noch keiner kannte, weil man nicht immer gewann und die Leute es dann nochmal versuchen oder besser machen wollten als die Anderen. Auffällig war, wie sehr sich die Menschen über die Preise, hauptsächlich Klamotten aus Kleidersammlungen in Europa, freuten. Etwas mehr Dankbarkeit würde uns in Deutschland auch gut tun.


Spaß auf der Kermesse

Ab 16 Uhr bereiteten Sina, Bayala und ich uns dann auf den Gottesdienst vor, zu dem wir ja auch unseren Teil beitragen sollten. Währenddessen verfolgte ich so gut es ging das Spiel der Eintracht gegen Dortmund. Das Ergebnis und die Tabellensituation zauberten mir naturgemäß ein breites Grinsen ins Gesicht. (Übrigens haben wir kein Spiel mehr verloren, seit ich weg bin. Gibt es da etwa einen Zusammenhang?!) Um 18 Uhr begann dann die Messe. Ich bekam meine Lesung gut hin, machte keine Fehler beim Lesen und am Ende der Messe bedankte sich Abbé Denis namentlich bei mir und erklärte den vielen, vielen Gottesdienst-Teilnehmer_innen (bestimmt 300), dass ich ein Deutscher sei, auch wenn ich wie ein Franzose spreche. Aber nicht nur das trug zu meiner wunderbaren Stimmung bei, sondern auch die Freude und das Glück, die die Menschen in der Kirche ausstrahlten. Es wurde laut gesungen, fast wie auf einem Rockkonzert. Es wurde gejubelt. Es war einfach so, wie es heute in einer Kirche sein sollte. Ein Treffpunkt für alle Menschen. Und nicht so langweilig wie die Gottesdienste in Deutschland. Kein Wunder, dass bei uns keiner in die Kirche geht! Nach der Messe gab es unter einem wundervollen Sternenhimmel noch etwas zu essen, dann ging es zurück nach Tenkodogo und ich schlief hundemüde ein.

Abbé Denis und ich nach der Messe

 
Die Kinder hatten auch Spaß!✌

Sonntag, 27. November: Der zweite Tag der Kermesse begann mit einer Runde mit allen Spielleitern, um den ersten Tag zu evaluieren und die Spiele evtl. zu optimieren. Unser Spiel hatte am ersten Tag das meiste Geld eingebracht. Danach ging es weiter mit den Spielen. Die Leute strömten wieder auf das Gelände der Kermesse. Ich schätze, es waren über den Tag verteilt ca. 1000 Leute. Unser Spiel lief wieder klasse, an beiden Tagen nahmen wir insgesamt 15800 Francs, also 23,90 Euro ein. Das klingt im ersten Moment nicht viel, bedeutet aber, dass 158 Runden gespielt wurden! 

Es gab auch Hund zu essen...

Spaß am Spiel

Um 16 Uhr wurden die Spiele beendet und ich konnte mich endlich an einen Tisch setzen und mich bei einem Bier etwas erholen. Bis 20 Uhr wurde weitergetrunken, nachdem es dunkel geworden war auch noch in einer Disco in Garango. Dann ging es endlich nach Tenkodogo und die erfolgreiche Kermesse war Geschichte.

Ganz typisch afrikanisch

Da der Bericht eh schon so lang geworden ist und eigentlich auch schon alles gesagt ist, lasse ich die übergeordneten Themen diese Woche mal weg. Ich bin wirklich froh, dass diese Woche geschafft ist. Ich habe viel Neues gesehen und dafür bin ich dankbar. So eine volle Woche schlaucht aber auch ungemein und ich bin froh, dass endlich auch mal meine Kolleg_innen zum Ausdruck bringen, dass sie müde sind. Ich hoffe jetzt auf eine etwas entspanntere Woche und wünsche euch eine gute Zeit! Danke fürs Lesen!

A la prochaine,

Jonas